Interview
Der Journalist Jürgen Bräunlein im Gespräch
mit dem Berliner Bildhauer Hartmut Sy
Wie bist Du zur Bildhauerei gekommen?
Ich habe als Kind schon immer viel mit meinen Händen tun wollen, zum Beispiel Papier gefaltet: Schiffe, Vögel, Würfel, Himmel und Erde, Frösche. Ein Sammelsurium von Figuren. Und es musste immer weißes Papier sein. Gezeichnet und gemalt habe ich auch viel. Schließlich war meine Großmutter Malerin.
Bei Deinen Skulpturen fällt auf, dass Du eine besondere Vorliebe für Metall hast. Hat das Gründe?
Metall ist ein sehr präzises Material. Du kannst unglaublich exakte Arbeiten mit Metall durchführen. Die einzelnen Arbeitsschritte lassen sich sehr genau im voraus berechnen.
Deine Ausbildung hast Du aber in Freiburg auf einer Holzbildhauerschule gemacht.
Ja, das stimmt, aber ich habe mit den Jahren festgestellt, dass mir Holz als Material zu eigensinnig ist. Wenn ich eigensinnig bin und das Holz ist es auch, dann kommen wir nicht gut miteinander zurecht. Wenn man Holz bearbeitet, muss man sich immer nach der spezifischen Beschaffenheit dieses Materials richten. Holz lässt sich etwa nur in eine bestimmte Richtung schnitzen. Man kann nicht alles damit machen. Ähnlich ist es mit Steinen. Ich verwende zwar auch Pflastersteine für meine Skulpturen, aber nicht an erster Stelle. Steine sind mir zu träge. Man klopft wie verrückt, bis man endlich die richtige Form hat. Und wenn du Pech hast, springt noch etwas weg, und man kann wieder von vorne anfangen.
Du verwendest als Elemente für Deine Skulpturen Rechtecke, Quadrate und rechte Winkel. Runde Formen aber nicht.
Das täuscht. Runde Formen gibt es schon bei mir. Man findet sie in den Bewegungen, die meine Skulpturen beschreiben. Oftmals beschreiben meine Quadergitter einen runden Bewegungsablauf. Bewegungen, die manchmal sogar die Skulptur dominieren. Wie für den Maler ein weißes Blatt Papier, so ist für mich das Quadergitter mit seinen rechten Winkeln etwas Neutrales, die Grundlage, mit der ich arbeite. Die Quadergitter sind aber nicht das, was ich ausdrücken möchte.
Die Bewegungen, die man an Deinen Skulpturen sehen kann, haben etwas Filmisches. Sie erinnern an ein Daumenkino, an Kartenhäuser im Moment des Umfallens oder auch an umkippende Mikadostäbe.
Das stimmt. Eine Arbeit heißt sogar Mikado (2000). Da denkt man wohl sofort an das Spiel. Oder die Skulpturen Reigen (1999) und Tango (1999): Längliche Quadergitter, die eine sehr feine Bewegung beschreiben. Fast wie in Zeitlupe. Das hat wohl auch etwas Biografisches. Es erinnert ein wenig an die Bauklötze, mit denen ich als Kind gespielt habe. Ich habe die Steine aufgestellt, angeklickt, und sie fielen der Reihe nach um...
Was fasziniert Dich daran?
Immer der Prozess, die Bewegung in der Mitte oder gegen Ende hin, das ist das Interessante. Diesen Moment versuche ich aus dem großen Ganzen herauszuholen und skulptural umzusetzen. Der Augenblick, wo alles noch in Bewegung ist und das fragile Gebilde noch nicht zusammensackt. Wenn alles umgeworfen ist, wird es wieder uninteressant. Das Ende und der Anfang sind völlig langweilig, nämlich statisch. Im Spannungsfeld dazwischen gibt es Entwicklung. Diesen Moment möchte ich bleibend machen. Den schönsten Augenblick festhalten, nicht aber wenn er schon zu Ende ist.
Da klingt fast etwas Utopisches an.
Vielleicht, obwohl mir das zu hochgegriffen erscheint. Man könnte auch eine Skulptur schaffen, die alle Möglichkeiten des Entfaltens in sich trägt, das ist eine Idee, die ich wohl einmal umsetzen werde. Eine Skulptur, bei der man merkt, die fängt erst an, aus ihr kann noch alles werden.
Bei vielen Deiner Skulpturen findet man den Gegensatz von Massivität und Schwere einerseits, und Leichtigkeit und Fragilität andererseits.
Ja, das ist ein zentrales Thema für mich. Etwas Schweres wird zum Schweben gebracht. Und etwas scheinbar Leichtes gewinnt an Schwerkraft. Etwa in meinen Skulpturen, in denen ich wuchtige, unbearbeitete Pflastersteine mit eher filigran wirkenden Quadergittern verbinde. Oft scheint es, als müssten diese Skulpturen umkippen, aber sie stehen. Und das irritiert oder überrascht.
Manche Deiner Skulpturen erwecken den Eindruck, als würden sie die Schwerkraft außer Kraft setzen.
Ich finde, man kann nicht genug tun, die Materie leichter zu machen. Das Materielle wird in unserer Gesellschaft zu wichtig genommen. Es ist auch eine Form von Ablenkung. Das ganze Leben ist eigentlich ein Prozess des Entmaterialisierens. Je älter wir werden, desto mehr richten wir uns auf das Geistige. Aber das wird in unserem Kulturkreis nicht unbedingt unterstützt.
Seit 1997 erschaffst Du auch Großskulpturen. Zwei davon sind als Leihgaben in der Parkanlage des Klinikums im Friedrichshain (Berlin) zu sehen. Aber auch hier vor der Galerie steht eine. Macht es für Dich einen Unterschied, ob eine Skulptur in einem geschlossenen Raum oder im Freien steht?
In jedem Fall. Durch die wechselnden Lichtstimmungen des Tages bekommen die Skulpturen im Außenbereich einen stärkeren Bezug zur Natur. Ein Dialog findet statt. Edelstahlskulpturen oder verzinkter Stahl wirken in der Natur ja zunächst isoliert. Gerade das finde ich interessant, diese Polarität: die Natur einerseits und dann der Edelstahl, der für sich steht und eigentlich nicht aus der Natur kommt. Edelstahl ist ja ein sehr künstliches Erzeugnis. Es muss wie alle Metalle erst aus der Erde geschmolzen und außerdem legiert werden. Es gibt ein Buch über Metalle, und da steht, dass die Metalle nur ein Gastrecht auf Erden haben. Das finde ich schön ausgedrückt.
Während andere Künstler Materialien, Formen und Konzepte ihrer Arbeit häufiger wechseln, bist Du seit vielen Jahren schon Material und Stil treu geblieben. Warum?
Ich glaube, ich wehre mich gegen die Moden und Wechselhaftigkeiten im Kunstbetrieb. Andererseits habe ich das Gefühl, das die Ausdrucksmöglichkeiten, die in den von mir gewählten Materialien liegen, noch gar nicht ausgeschöpft sind. Für mich liegt gerade in der selbst auferlegten Beschränkung die eigentliche künstlerische Herausforderung. Ich entdecke immer noch neues.
Seit kurzem machst Du Papierarbeiten. Wie kam es dazu?
Erste Papierarbeiten sind schon vor gut zehn Jahren entstanden, aber ich habe das damals nicht weiter verfolgt und mich eben den Skulpturen gewidmet. Jetzt habe ich Papier als Medium des Ausdrucks neu entdeckt.
Bewegung als Thema bestimmt auch Deine Papierarbeiten.
Ja, aber nicht nur. Die Bewegungsabläufe auf Papier sind feiner abgestuft und vielleicht offensichtlicher, während sie bei den Skulpturen abstrakter erscheinen.
Was hat Deine Kunst mit Deinem sonstigen Leben zu tun?
Mich befreit es, wenn ich in einer künstlerischen Arbeit bin. Ein Stück Befreiung aus den Verstrickungen des Alltags. Wenn in meiner künstlerischen Arbeit ein neuer Schritt ansteht, wenn ein neues Element hereinkommt, dann bin ich oft selbst ganz überrascht, was da in meinen Händen entsteht: Ich setze etwas heraus. Ein Schauer läuft mir dann den Rücken herunter, vor Freude, ja sogar Glück. Und das versuche ich auch zu vermitteln, dass man das in den Arbeiten sehen kann. Es klingt verrückt, aber manche meiner Skulpturen habe ich selbst noch nicht ganz verstanden. Ich entdecke immer noch neue Ansichten, die ich bisher nicht bewusst wahrgenommen habe.
(Berlin, 11.9.2002 u. 1.6. 2004)
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