Genauigkeit und Freiheit

 

Nüchternheit und Poesie, Genauigkeit und Freiheit bilden in den

Arbeiten von Hartmut Sy eine völlig natürliche Synthese. Würfel,

Quader oder Balken werden durch ihre von Metallstäben

beschriebenen Konturen sichtbar. Sie verschränken sich ineinander,

scheinen auseinander zu fallen oder ineinander zu stürzen. Sie sind

auf kompliziert wirkende Weise zusammengefügt, jedoch ist ihre

Ordnung auf Grund ihrer Durchsichtig-keit ablesbar.

Die in sich starren Gebilde wirken bewegt und schwerelos, trotz der

oftmals integrierten Pflastersteine, die von dem Metallgerüst

gehoben und gehalten werden oder auch als Fußpunkt dienen. Der

unregelmäßig behauene Steinwürfel verkörpert Erdhaftigkeit neben

der kristallinen Metallkonstruktion - wieder sehen wir die Vereinigung

scheinbarer Gegensätze.

Dieselbe Präzision wie bei den Skulpturen finden wir bei den

Papierarbeiten. Wir sehen Zeichnungen, die den plastischen

Gebilden ähneln, nicht im Sinne von Entwürfen, sondern als

parallele Ausdrucksweise mit zweidimensionalen Mitteln. Und wir

sehen diese erstaunlichen Negativ-Scherenschnitte, hart und zart

zugleich, die zu beschreiben uns kaum möglich ist: Weiß auf Weiß,

der geringe Abstand zwischen Rück- und Vorderblatt mit den darauf

angeordneten Ausschnitten lässt deren Leere plastisch wirken.

Wir haben es hier mit einem Künstler zu tun, der sich der

Schnelligkeit, der Sensations- und Erfolgsgier unseres derzeitigen

Kunstbetriebes entzieht, vielleicht nicht einmal bewusst entzieht,

sondern einfach seinem Wesen entsprechend außerhalb davon

arbeitet. Das gefällt uns. Denn es gilt, mit der Kunst anderes zu

transportieren und sichtbar zu machen als Abbilder von

Schlagzeilen. Es gilt vielmehr, unserer lärmenden und scheinbar

inhaltslosen Welt eine Ordnung entgegen zu halten, an der sich eine

neue Orientierung festmachen kann.

Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff

 

Quelle: Genauigkeit und Freiheit, Hartmut Sy, Ausstellungskatalog mit einem Werkverzeichnis

der Skulpturen von 1989 bis 2006, Hubertus Melsheimer Kunsthandel, Köln 2007

Begegnungen zwischen Gravitation und Levitation

 

Wahrnehmungsirritationen rufen sie hervor, die hintergründigen

Skulpturen des Berliner Bildhauers Hartmut Sy. Quadergitter,

Würfel, Pflastersteine scheinen kippend, hochfahrend oder

schwebend ineinander zu stürzen. Die dynamische Anordnung von

rechteckigen, quadratischen oder L-förmigen Formen erweckt den

Anschein von zugespitztem Chaos, erweist sich bei näherer

Betrachtung aber als harmonische Ordnung von sanfter Bewegtheit,

die Wahrnehmung neu interpretiert. Bewegung skulptural

umzusetzen und die Schwerkraft aufzuheben sind die Themen.

Mit Arbeiten wie „Pietà“ (2005), „Hommage an Giacometti“ (1998)

und „Hommage an Max Bill“ (2009), stellt sich Sy in die Tradition der

klassischen Moderne, während Titel wie „Giraffe“ (2003) oder

„Blumenstrauß“ (2009) Pathos und Abstraktion ironisch brechen.

Dass in seinen Skulpturen aus Messing, Stahl und Edelstahl

Musikalität mitschwingt, wurde verschiedentlich angemerkt, der

Kunstkritiker Matthias Mochner spricht von „musikalischen

Quadern“.

Seit 1997 lässt der Künstler seine raumgreifende Formensprache

auch in Großskulpturen Wirklichkeit werden, die im Freien und im

öffentlichen Raum stehen. Dem Wechsel der Tages- und Jahreszeiten

ausgesetzt, gewinnen die eigentlich statischen Gebilde dabei

nochmals an Lebendigkeit. Das trifft auch auf die „Stele“ (1999) zu.

Je nach dem, wo die Sonne steht, liegen bestimmte Seiten der fünf

Würfel im Dunklen, während andere leuchten. Die transparenten

Elemente schrauben sich dabei leichtfü.ig nach oben, als könnten

sie in Richtung des Himmels entschwinden, während der unterste

Würfel den Eindruck erweckt, als versänke er in den Boden. Erneut

thematisiert der Künstler hier die Begegnung zwischen Gravitation

und Levitation und mutet dem Betrachter Irritationen zu.

Dr. Jürgen Bräunlein 

 

Quelle: Galerie 15a, Lochem, Niederlanden

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© Hartmut Sy, Berlin