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Die Ausstellung wurde verlängert und ist noch bis zum 26. September 2021 zu sehen. Künstler*innen sind am Sa und So von 15 bis 17 Uhr anwesend.

Eröffnungsrede zur Ausstellung 32m ü. NHN der Künstlergruppe dimension14, am 28. August 2021

(von Dr. Dorothea Schöne, Kunsthaus Dahlem)

Zum nunmehr dritten Mal darf ich Sie, liebe Gäste, heute mit ein paar Einführungsworten in die diesjährige Präsentation der Künstlergruppe dimension14 einführen. Vielen Dank an die Künstlerinnen und Künstler für diese besondere Ehre. Ich möchte gleich eingangs eine besondere Widmung loswerden. Für die erste Eröffnungsrede hat mich seinerzeit der Bildhauer Karl Menzen angefragt. Er war Teil dieser wunderbaren Künstlergruppe und ist vor nicht allzu langer Zeit viel zu früh von uns gegangen. Ein bisschen ist das heute für mich auch ein Gedenken an ihn. Und er hätte sich sicherlich über das spannende Thema der diesjährigen Ausstellung gefreut, war doch das Zusammenspiel von Kunst und Natur immer wiederkehrendes Element auch seiner Arbeit.

32m ü. NHN (Normalhöhennull) lautet der Titel – 32 Meter über Normalhöhenull mit dem Machnower See in Kleinmachnow zwischen Friedensbrücke und der denkmalgeschützten Schleuse. Im Einladungstext zur Ausstellung lesen wir: „Der See liegt 32 Meter über dem Meeresspiegel und ist Teil der 1900 bis 1906 erbauten Bundeswasserstraße Teltowkanal, welcher der Schifffahrt einst als Südumgehung Berlins diente. Zeitweise waren bis zu 2.550 Arbeiter beschäftigt, die Hälfte Osteuropäer.“ Das klingt erst einmal nach einem recht nüchternen Bezug.

Aber haben Sie sich schon einmal gefragt, woher Normalhöhennull eigentlich kommt? Seit wann es diese Regelung gibt? Die meisten werden jetzt wohl zugeben müssen, dass sie einen gesunden Schnellschlaf im Geografie-Unterricht hatten. Oder das Thema gar ausgelassen wurde? Bekannt ist jedem der Begriff. Auch dass wir es mit Höhen über dem Meeresspiegel zu tun haben wissen wohl die meisten.

Eingeführt wurde der Begriff 1879 als nebeneinander existierende Höhenbezüge wie „Hamburger Null“ oder „Pegel zu Neufahrwasser“ zuerst für Preußen und dann für ganz Deutschland vereinheitlicht wurden. Während der Teilung galten in DDR und BRD unterschiedliche Höhenbezüge – immerhin 16cm Abweichung. Auch diese wurden nach der Wiedervereinigung rasch angeglichen. Der Tunnel- und Brückenbau dankt, denn 16cm Abweichung kann schon sehr ärgerlich enden.

Sie merken, dass in nur wenigen Sätzen schon deutlich wird: Normalhöhennull ist alles andere als unpolitisch oder bedeutungslos. In einem Arbeitsprozess von zwei Wochen haben sich die Künstlerinnen und Künstler vom Gewässer und der Umgebung inspirieren lassen. Entstanden sind Kunstwerke am Ufer, schwimmend auf dem Wasser oder daraus herausragend. Sie alle konterkarieren das Wasser und die Uferzone und laden Sie, liebe Gäste, zu einem kleinen Spaziergang und Verweilmomenten ein.

Mehrere Künstler und Künstlerinnen haben sich der Form, dem Formspiel, dem Konterkarieren angenommen: Dort am Ufer finden Sie die kauernde Gestalt inmitten eines Ikosaeders – eines Zwanzigecks. Am ehesten kommt diese Form der Kugel als geometrisches Pendant entgegen, und so ordnete sie der griechische Philosoph Platon dem Element Wasser zu. Die perfekt anmutende, größtmögliche Symmetrie scheint dabei zu schweben über den Wellen des Wassers.

Gebrochen von den Wellen oder von ihnen in Schwingung gesetzt finden wir gleich daneben die Kreise. Welcher Aufschlag zieht hier seine Kreise? Werfen sie einen Stein in das Wasser – so brechen Sie die Strömung und Flut.

Vor uns wachsen gleichsam aus den Wogen die aus mehreren Quadergittern geformte skulpturale Arbeit. Entsteht sie am Boden, erwächst sie vom Grund aus? Oder schwebt sie im Wasser? Wird sie von dannen treiben? Der Titel „(un)vollendet“ lässt geradezu annehmen, dass die Strömung das Werk in seinem Wegtragen vollenden wird.

Ein wenig weiter zur Seite ordnen sich, stiller im Uferdickicht verborgen, Ornamente an. Inspiriert von Wasserpflanzen – der Titel deutet es an – ordnen sie die Natur neu an, ornamentieren sie das Wasser.

Und am Ende findet sich gar ein Bett, in dem man eingeladen zu sein scheint, zur Ruhe zu kommen, in der Nacht sein Haupt zu betten. Aber so romantisch verklärend, wie ein verziertes Bettgestell erscheinen mag, ist es vom Künstler gar nicht unbedingt intendiert. Zumindest darf und soll man sich fragen, ob angesichts von eskalierender Gewalt, Klimakatastrophen und Terror überhaupt noch von Träumen die Rede sein kann. Haben Utopien noch ihre Berechtigung? Bettet man sein Haupt noch weich?

Schreiten wir den Uferpfad einige wenige Schritte zurück, so wird eben diese politische, kritische Frage einmal mehr aufgeworfen. Die obersten Tritte einer Leiter ragen aus dem Wasser – 33m ü. NHN lautet der Titel – einen Meter mehr, als auf der Einladungskarte zu lesen ist. Einen Meter Meer. Wobei man das mehr hier mit und ohne H lesen kann und soll. Denn die aus dem Wasser ragende Leiter deutet Flucht nach oben aus der Flut an. Aber auch hinabsteigen in das Unbekannte. Was befindet sich bei 0m ü. NHN? Wird der Wasserstand immer weiter steigen? Entkommen wir als Emporsteigender auf der Leiter dieser drohenden Flut?

Wenn die Polkappen weiter so rasant abschmelzen, dann helfen uns auch die Schirme vor dem Regen nicht mehr – sind sie deswegen paradox schon in das Wasser gefallen? In Weiß – Albedo – also jenes Weiß, das als Maß für das Rückstrahlvermögen gilt, das bei Eisschmelze mit so verheerenden Folgen die Erwärmung der Erdatmosphäre ungebremster geschehen lässt. Auf dem Wasser treibend, schützen sie nicht mehr vor der Sonne. In der Gruppe könnte man gleichsam annehmen, darunter gingen Damen in Gruppen spazieren – der Unterwasser-Flaneur?

Mit dem Aussterben und Sterben des Planeten spielen ein wenig auch die Gemälde am Ufer. „Der letzte seiner Art“ und „Das Überleben sichern“ – wie viel an Ressourcen, auch aus dem Wasser, können wir eigentlich noch konsumieren? Was rotten wir aus? So kritisch einzelne Bildelemente und Titel klingen mögen. So sind sie die Gesamtwerke doch zugleich eine sehr persönliche Hommage. An das, woher wir kommen. Wir sind zu durchschnittlich 70% aus Wasser gemacht. Als Säugling ist es mehr, als alter Mensch sehr viel weniger. Aber Wasser ist und bleibt das Grundelement des Menschen. Woher wir kommen – von unseren Eltern. Ebenfalls aus Wasser gemacht. So wird das Leben zu einem Fluss.

Viel Ernstes kommt hier zur Sprache, wird angeregt zu erdenken. Aber – wie sollte es auch anders sein – es geht auch in vielen dieser Arbeiten um das sinnliche, humorvolle, ja gar romantische. Wenn im Sommer – bei besseren Temperaturen als heute – das badende Volk sich auf dem See tummelt, dass schwimmen hier sicherlich häufig Luftmatratzen. Seltener Vasen. Derlei teures Gut steht sicherer. Dazu spricht der Künstler: „So mischt sich mit „romantischer Ironie“ leichte Irritation in die Freude am Schönen“.

Wie einst die Impressionisten, sind auch die Künstler und Künstlerinnen der dimension14 in die Natur gezogen. Haben sich inspirieren lassen. Haben in einem Fall gar eine Reminiszenz an diese kunsthistorische Epoche als Werk integriert.

Beim Aufbau haben dieses Mal alle Beteiligten etwas mehr gelitten – Anbringung von Werken unter Wasser und bei diesen Temperaturen ist kein Bade-Spaß. Aber auch die Botschaft der Werke ist kein Bade- und Wasserspaß. Hier tritt als Naturverehrung, als Hommage an Natürlichkeit auch immer die Sorge und das Bewusstsein um die Vergänglichkeit dieser Schönheit. Es ist eine verspielte und zugleich nachdenklich machende Ausstellung. Wie lange haben wir hier am Ort noch 32 Meter über Normalhöhennull? Wie lange können wir noch im Einklang existieren. Eingangs erwähnte ich die über dem Wasser schwebende Gestalt.

So vielgestaltig die hier versammelten Werke letzten Endes sind, so vielgestaltig sind auch die Assoziationen, die wir mit Wasser, in dessen Kontext die Kunst gebettet wurde: existenziell, bedroht, rettend, mystisch, faszinierend, dunkel, fröhlich, beruhigend – lebensbedrohend und lebenserhaltend. Die künstlerischen Fragestellungen an das Thema sind seit dem 18. Jahrhundert sicherlich brisanter geworden. Der Blick, den wir heute werfen, ist ein sorgenvollerer, zukünftiger. Im Hier und Jetzt ist er aber auch verspielt und humorvoll, sinnlich und provokant. All diese emotionalen Facetten des Wassers werden nie in einem einzigen Bild gemalt werden können. In mehreren künstlerischen Positionen können sie aber sukzessive erfahrbar und erfassbar gemacht werden – und formulieren dabei eine mahnende, aber tiefgehende Hommage.

Eröffnungsrede Dimension14final.